Der Semesterbeginn steht vor der Türe. Da trifft es sich gut, dass die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften die Entwicklung der Studierendenzahlen unlängst systematisch vermessen hat lassen. Der von econcept verfasste Bericht «Studienwahl. Zahlen und Trends in den Geistes- und Sozialwissenschaften» zählt die Rechtswissenschaft der Sache nach zu den Geistes- und Sozialwissenschaften, weist sie aber der etablierten Nomenklatur folgend als eigene Fachbereichsgruppe gesondert aus.
Die Grundzahlen zuerst: An schweizerischen Universitäten studierten 2023/24 rund 13'613 Personen auf Bachelor- und Masterstufe Recht (Doktorierende bleiben durchgehend ausgeklammert). Absolut ist die Zahl seit der Jahrtausendwende gestiegen, allerdings schwächer als bei den Wirtschaftswissenschaften, die auf 19'206 Studierende kommen. Relativ betrachtet verläuft die Kurve gegenläufig: Der Anteil der Rechtswissenschaften an allen universitären Studierenden bewegt sich seit den 1980er Jahren zwischen 13 und 10 Prozent und liegt 2023/24 bei 10,2 Prozent, mit einer abnehmenden Tendenz seit 2007/08.
Aufschlussreicher als die Bestandszahlen ist die Frage, wer überhaupt Recht studiert. Der Bericht zeigt (wenig überraschend) eine ausgeprägte Pfadabhängigkeit: Über die Berufsmatur führt praktisch kein Weg an die Universität; die entsprechenden Übertritte in dieses Bildungsfeld liegen bei nur 2 Prozent aller Personen mit Berufsmaturitätsabschluss. Der Zugang zum Fach ist, sozialstatistisch betrachtet, früh und schmal kanalisiert.
Ebenso deutlich ist das Muster der Einflussfaktoren: Bei den Rechtsstudierenden nennen 57 Prozent Familienmitglieder und 49 Prozent Partner, Freunde oder Bekannte als massgeblichen Einfluss für die Studienwahl. Die Wahl des Rechtsstudiums dürfte also vor allem im nahen Umfeld grundgelegt sein.
Im Übrigen sind die Gründe für die Wahl des Studiums der Rechtswissenschaften weitgehend bekannt: die Vielfalt der beruflichen Möglichkeiten (81 Prozent) und (noch) gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt (76 Prozent) zählen zu den Favoriten. Im statistischen Gruppenvergleich fallen Aspekte wie die Begeisterung für das Fach (-0,28) und der Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft (-0,32) signifikant tiefer aus. Eine Idealistenschwemme ist demzufolge weiterhin nicht zu "befürchten".
Was die Abschlussquoten betrifft, so hatten in der Eintrittskohorte 2015 acht Jahre später 62 Prozent ihr Studium abgeschlossen; mit 13 Prozent wechselten allerdings dreimal so viele Studierende das ursprüngliche Fach wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Auch die Abbruchquote liegt mit 14 Prozent leicht über dem universitären Durchschnitt.
Bemerkenswert ist, welche Früchte die starke Verschulung der Rechtswissenschaften trägt: Die befragten Beratungspersonen schätzen dieses Studium als bevorzugtes Zielfach für Wechselwillige ein, denen der hohe Grad an Selbstorganisation anderswo Mühe bereite. Zwei weitere Kennzahlen runden das Profil ab: Recht ist der einzige Fachbereich, in dem der Frauenanteil auch in den letzten Jahren stetig ansteigt, und es weist mit rund 9 Prozent den mit Abstand tiefsten Anteil an Studierenden mit ausländischer Bildungsherkunft auf, gegenüber 26 Prozent in den universitären Wirtschaftswissenschaften.
Fazit
Für den schweizerischen Rechtsmarkt lässt sich aus diesen Daten eine Schlussfolgerung ziehen, die der Bericht selbst nicht zieht:
Wer sein Jus-Studium (mit der Mehrheit) vor allem mit Berufs- und Einkommensaussichten begründet, wird empfindlicher auf Signale reagieren, die ebendiese Aussichten gefährden. Wenn und soweit KI (wie es längst erkennbar ist) die Nachfrage nach Einstiegstätigkeiten wie Recherche, Dokumentensichtung und Entwurfserstellung reduziert, wird sich das voraussichtlich rasch auf die Studierendenzahlen auswirken. Demgegenüber dürften (andere) Geisteswissenschaften in einem solchen Szenario weniger stark betroffen sein, weil sie stärker aus anderen Motiven gewählt werden. Hinzu kommt, dass die die Wechselbereitschaft der Jus-Studierenden schon heute höher ausgeprägt ist als in den (anderen) Geistes- und Sozialwissenschaften.
Red.
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